Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Julia

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Foto: Marcelo Lipiani

Von Tania Mancheno

Julia, eine junge, gut erzogene, weiße Frau, die als Hure bezeichnet wird.

Ein Mensch, ein junger, wacher, schwarzer Mann, der als Neger bezeichnet wird.

Wer leidet mehr? Was ist ungerechter? Was ist schlimmer?

Der Philosoph, Psychiater, Schriftsteller und Freiheitskämpfer Frantz Fanon hat sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit dieser Frage beschäftigt und erstellte dabei eine Kartographie des Leidens, in der die kolonialisierten Völker ganz unten standen. Nach Fanon werden die verschiedenen Formen des Leidens innerhalb der kolonialisierten Welt nicht, wie in der nicht-kolonialisierten Welt, durch das Recht reglementiert, gelöst oder bestraft: In den Kolonien ist es die Gewalt, die das Leiden auslöst, intensiviert und in Spannung hält.

Bei Julia scheint dagegen eine Kartografierung des Leidens sinnlos zu sein. Julia und ihr Angestellter, dessen Name keine wichtige Rolle spielt, leiden beide. Doch spielt „Julia“ nicht überall, sondern in Brasilien.

Menschen tendieren oft dazu, in der Skala von Unterwerfung und Ohnmacht nuances zu suchen, die uns dabei helfen, die Welt ein bisschen besser einzuordnen, um sie besser verstehen und beurteilen zu können. Mit welchem Maßstab (des Nicht-Leidens) dafür rekurriert wird, bleibt meistens unklar. Tatsache ist aber, dass die Empörung des Publikums stärker wird, je weniger sich das Leiden auf die Menschen bezieht. Es ist trauriger, ein unschuldiges Vögelchen beim Sterben zu sehen, als einen namenlosen (oder staatenlosen) Menschen auf der Bühne.

Teile des Theaterpublikums, glaube ich, wollen sich nicht mit Clichés, Vorurteilen, sexistischer Gewalt und Rassismus auseinandersetzen müssen, weil dies in einer aufgeklärten öffentlichen Meinung als irrationelle Art des Umgangs wahrgenommen wird, die im Theater, wo es doch um Repräsentation durch Ästhetik geht, keinen Platz finden soll. Im Theater sollte doch es möglich sein, die kulturellen Differenzen einer gleichen Wert einzuordnen und die asymmetrischen Beziehungen der Geschlechter nicht so wiederzuerkennen, wie sie in Wahrheit sind! Aus dieser Perspektive ist Theater dann schön, wenn es schafft, uns die Realität anders zu zeigen. Gegen einen solches konservatives Verständnis sollte Theater, wenn es relevant sein will, unbedingt angehen.

Was passiert, wenn das Theater uns die Realität zeigt, genau so, wie sie ist – und das in Form eines inszenierten Films? Wie ist es, wenn eine weiße Frau die Rolle der weißen Frau und der schwarze Mann die Rolle des schwarzen Mannes spielt? Bleibt das dann Theater oder ist es eine Reality Show? Diese Frage hat mich während des ganzen Stückes begleitet, und eine endgültige Antwort habe ich nicht gefunden. Jedoch finde ich, dass die Auseinandersetzung mit der Frage: Wer sollte von wem dargestellt werden und wie, eine sehr wichtige und aktuelle Frage für das Theater ist, welche in „Julia“ in einer extremen, gewaltvollen Art und Weise zum Tragen kommt. Dies liegt nicht nur daran, dass die Einsetzung von Rasse, Klasse und Geschlecht im Theater inflationär herausgefordert werden, aber vor allem, weil sich die Sprache, während der ganzen 70 Minuten, als wirkungsvolle Waffe entpuppt.

Julia ist eine von den wahren Liebesgeschichten, die Disney erzählen sollte.

Die Vorstellung wird am Freitag, dem 31.1., noch einmal im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Januar 2014 von in Allgemein.
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