Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

NYA

NYA_Houria1@Laurent Aït Benalla

Foto: Laurent Ait Benalla

Von Janina Granfar

Am Ende entlädt sich die Spannung, die sich über 1 ½ Stunden aufgebaut hat: Selbstvergessen tanzt der junge Mann im Regen, und die emotionale und erotische Spannung erreicht ihren Höhepunkt.Der Choreograph Abou Lagraa versteht es durch die Kombination scheinbar gegensätzlicher Elemente ästhetische Verwandlungen zu erschaffen und konventionelle Denkschemata aufzubrechen. Gemeinsam mit seiner Frau Nawal Ait Benalla-Lagraa entwickelte der in Frankreich aufgewachsene Algerier die Choreografie für NYA, was auf arabisch „Vertrauen zum Leben bedeutet“.

Neunzig Minuten lang vergessen neun ehemalige Straßentänzer gängige Vorstellungen über die Zusammengehörigkeit gewisser Tanzstile mit speziellen Musikrichtungen und schaffen damit einen Raum der Grenzenlosigkeit. Die Männer verlieren sich im Tanz, ohne dabei die Musik die Art ihrer rhythmischen Bewegungen bestimmen zu lassen. Sei es zu den Geräuschen einer belebten Hauptstraße in Maghreb, zu Maurice Ravels Boléro oder sakraler arabischer Musik – die jungen Algerier tanzen abwechselnd nach den Regeln des Ballets, des Breakdances, des HipHops und des Capoeira. Die fließenden Übergänge der Tanzarten ermöglichen den Ausdruck ebenso leidenschaftlicher wie konträrer Emotionen. Ihre Körper verschlingen sich im Paartanz des Balletts, wodurch sie ein Gefühl der Hingabe, der Liebe und des tiefen Vertrauens vermitteln, nur um sich im nächsten Moment mit den lässigen Bewegungen eines HipHop Tänzers von einander zu entfernen.

Ich habe beim Zuschauen gemerkt, dass ich mein Bild von Homosexualität reflektiert habe: Zwei Männer mit nackten Oberkörpern, die im Regen miteinander tanzen, oder Frauenfiguren aus dem Ballett aufführen. Dann habe ich mich gefragt, warum ich das überhaupt mit Homosexualität verbinde und für ein arabisches Land so mutig finde. Scheinbar denke ich auch in Kategorien.

Abou Lagraa bringt die Kunst unterschiedlichster Länder auf nur eine Bühne und entlässt die Zuschauer mit der Frage, wie sinnvoll es ist in Kategorien zu denken. In der Regel ein Instrument um die Komplexität der Welt zu reduzieren, zeigt der algerische Choreograph, welche Welten verschlossen bleiben, wenn die Gedanken durch die Mauern bestimmter Zugehörigkeiten beschränkt werden.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Januar 2014 von in Allgemein.
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