Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Eva Hesse + Gego: Lebenslinien

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Foto: Nihal Demir

Text von Nihal Demir

Es gibt Gemeinsamkeiten in Leben und Werk der beiden Künstlerinnen Eva Hesse (1936 – 1970) und Gertrud Goldschmidt (1912 – 1994), genannt Gego. Beider Heimatstadt ist Hamburg. Hier beginnen ihre Lebens-Linien, von hier aus mussten sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft emigrieren.

Nun erfahren die beiden international renommierten Künstlerinnen mit einer Werkschau in der Galerie der Gegenwart erstmalig auch eine angemessene Anerkennung in ihrer Geburtsstadt. Titel: „Eva Hesse. One More than One/ Gego. Line as Object“. Wir sehen: Skulpturen, Wandobjekte, Zeichnungen von Eva Hesse und Gegos Module aus Stahldrähten.

Hesse und Gego haben sich in ihrer Kunst, so unterschiedlich beider Entwicklung im Einzelnen auch ist, zentral mit dem Thema „Linien“ auseinandergesetzt, ihrer Weiterführung und Umsetzung im Raum. Minimalistisch anmutende, oft strenge Serialität von Linien bei der New Yorkerin Hesse, und Gegos ‚Reticulareas‘, Netzgespinste aus Draht, Linie als Objekt ohne Anfang und Ende, Ausdehnung ohne Zentrum und Rand.

Dazu präsentiert das Thalia Theater in Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle die Lesung einer Textcollage, zusammengetragen aus Originalzitaten, Interviewauszügen und Statements zu Arbeiten der Künstlerinnen. Eine fiktive Begegnung, die im Leben vermutlich nie stattgefunden hat, obwohl es einmal fast dazu gekommen wäre

In der Heilwigstraße lebte die Familie Goldschmidt zwischen 1908 und 1938: Die 27-jährige Architektin Gertrud kam 1939 auf dem Weg nach Südamerika aus Stuttgart nach Hamburg zurück:

Ich bezog also mein Zimmer in der Heilwigstraße, die inzwischen Durchgangsherberge für auswandernde Verwandte und Freunde war, bevor sie sie einschifften.“ Ende März bekamen die Eltern ein Permit nach England. „Ich blieb noch mit einem gepackten Koffer auf der Couch und werde nie vergessen, wie mich ein Telefonanruf vom Telegrafenamt aufschreckte: ‚Visum all right, Kontakt folgt, Solomon, Caracas, Venezuela‘. Wo ist Venezuela, wo ist Caracas? … Ich schloss das Haus ab und warf den Schlüssel in die Alster“.

Eva Hesse verließ 1938, im Alter von drei Jahren Hamburg. Sie wuchs in New York auf und wurde in den wilden sechziger Jahre zur Künstlerin. Im Mai 1965 kam sie mit ihrem Mann das erste Mal seit ihrer Kindheit nach Hamburg. Den nächsten Tag standen sie in der Isestraße 98:

Die Haustür war unverschlossen, sie konnten direkt raufgehen in die Etage, in der einst die Familie Hesse gewohnt hatte. Sie klingelten. Die Tür wurde geöffnet. Eva erklärte aufgeregt, wer sie waren und was sie hier wollten, und bat darum, einen Blick in die Wohnung werfen zu dürfen. Das wurde strikt abgelehnt.“

So kreuzten sich 1938/39 die Lebens-Linien Eva Hesses und Gegos nicht unweit der Alster im vermeintlich besseren Hamburg: Heilwigstraße und Isestraße, Hamburger Straßen mit Vergangenheit, die „Stolpersteine“ gibt es dort immer noch.

Vortragende der Lesung im Hubertus-Wald-Forum waren die Schauspielerinnen Franziska Hartmann und Karin Neuhäuser. Helena Ratka trug die Visuals bei. Die Texte und Zitate stammten u.a. von Samuel Beckett, Albert Camus, John Cage, Marcel Duchamp, nicht zuletzt von Eva Hesse und Gego selbst sowie von den Kuratorinnen Brigitte Koelle und Petra Roettig. Den Abschluss bildete ein Publikumsgespräch mit den Kuratorinnen und Christine Ratka vom Thalia Theater, die uns den Text zur Lesung mitgegeben hat. Danke dafür!

Die Thalia-Schauspielerinnen Karin Neuhäuser und Franziska Hartmann während der Lesung. Foto: Nihal Demir

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Die Lesung findet noch einmal am Dienstag, dem 4.2. um 20 Uhr im Hubertus-Wald-Forum in der Kunsthalle statt. Die Eintrittskarte für die Lesung gilt übrigens auch als Eintrittskarte für die Ausstellung.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Januar 2014 von in Allgemein.
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