Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Eva Hesse + Gego: Lebens-Linien

Franziska Hartmann

Die Thalia-Schauspielerinnen Franziska Hartmann und Karin Neuhäuser. Fotos: Armin Smailovic

Von Jennifer Krüger

In der szenischen Lesung „Lebens-Linien“ lernen wir die beiden hamburgisch-jüdischen Künstlerinnen Eva Hesse (1936 – 1970) und Gertrud Goldschmidt (1912 –1994), genannt Gego, aus einer ungewöhnlich kunsthallenfremden Perspektive kennen.

Die Thalia-Schauspielerinnen Franziska Hartmann und Karin Neuhäuser führen uns narrativ durch eine von Christine Ratka zusammengebastelte Textcollage, die in die derzeitige Ausstellung der Kunsthalle einführen oder sie abschließen kann.

In ihren Werken sind die gebürtigen Hamburgerinnensich ähnlich, obwohl sie unterschiedliche Ausgangspunkte haben und auch ihre Leben unterschiedliche Wege nehmen. Gegos künstlerischer Ansatzpunkt war zunächst die Architektur, Hesses die „Drip Paintings“ von Jackson Pollock. Beide beschäftigen sich mit Linien und deren Umsetzung im Raum. Worin kreative Prozesse dieser Thematik münden? In aufwändigen Skulpturen aus Drahtgebilden und Pappmaché-Körpern, die ganze Räume einnehmen.

Hesse und Gego erzählen jeweils ihre Geschichten, gucken einander dabei aufmerksam an und hören sich gegenseitig zu. Mal stellt die eine eine Interview-Frage, die die andere beantwortet, mal wird eine Passage aus einem Tagebuch oder Brief vorgelesen. So erfahren wir Stück für Stück, wohin die Flucht die Frauen aus dem nationalsozialistischen Deutschland führt – Hesse nach New York und Gego nach Caracas, Venezuela.

Allmählich verändert sich der Mittelpunkt des Gesprächs. Von der Erzählung biografischer Unterschiede geht es bald um allgemeine Fragen und sich ergänzende Antworten über das Leben und die Kunst im Allgemeinen.

Durch die vielen Tagebucheinträge Hesses fällt es dem Zuhörer leicht, den Gedanken in ihrem Kopf zu folgen. In Hesses Gefühl und ihrem Elan, der Welt einen eigenen Schubser geben zu können, habe ich mich wiedergefunden. Ihre Gedanken zum Leben und ihre künstlerische Entwicklung beeinflussen sich gegenseitig: Alles hängt zusammen. Aber während Hesse sagt, dass sie ihr Privatleben von der Kunst nicht trennen kann, sieht Gego das anders: Ihre privaten Anekdoten hätten nichts mit dem Verständnis ihrer Kunst zu tun, deswegen gibt es von ihr auch wenig persönliche Statements. Aber trotzdem gibt sie Einblicke in ihre Lebensphilosophie: Wie bei einem Schachspiel haben wir im Leben so viele Möglichkeiten, Abzweigungen zu nehmen, wie die Linien auf unseren Handinnenflächen uns zeigen.

Besonders gut nachvollziehen konnte ich, als Eva Hesse davon sprach, dass Kunst Zeit bräuchte: Das Trocknen der Farbe, das Auftragen der unterschiedlichen Schichten und das Einschlaufen von Kabeln und Bändern in verschiedene Laschen. Ich bräuchte nämlich auch mehr Zeit als eine Nacht, um meine Ideen so miteinander zu verknüpfen, dass eine sinnvolle Kritik entsteht.

„Lebens-Linien“ ist eine interessante Veranstaltung, die selbst die beiden Kuratorinnen die Künstlerinnen aus neuem Blickwinkel sehen ließ. In punkto Lebenslinien waren meine Sitznachbarn mir zwar um Einiges voraus – ihnen waren diese sogar ins Gesicht gezeichnet –, trotzdem übergreift die Thematik Generationen und auch mir hat die Lesung Lust gemacht, die Ausstellung zu sehen. Dabei hatte ich vorher so meine Bedenken, schließlich hatte ich mich noch nicht wirklich mit der Thematik der modernen Skulpturen und (Lebens-)Linien befasst, aber wenn ich jetzt in die Ausstellung gehe, weiß ich, an welcher Stelle ich die Linien ziehen und zu einem Netz verknüpfen kann.

Dieses Thema stößt in jedem Kopf den ein oder anderen Gedankengang an – und wer weiß, wohin das führen kann!

Die Lesung findet noch einmal am Dienstag, dem 4.2. um 20 Uhr im Hubertus-Wald-Forum in der Kunsthalle statt. Die Eintrittskarte für die Lesung gilt übrigens auch als Eintrittskarte für die Ausstellung.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Januar 2014 von in Allgemein.
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