Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Spiel Zigeunistan

Thomas schlägt sich den Frust von der Seele Foto: Fabian Hammerl

Thomas schlägt sich den Frust von der Seele
Foto: Fabian Hammerl

Text: Sasan Towhidi

„Lügner, Trickbetrüger, Asoziale, Sozialtouristen“

Eigentlich ist es unglaublich, wie heutzutage relativ offen, selbst in einschlägigen Medien, über die so genannten Zigeuner geredet wird, die doch das gleiche Schicksal erfahren haben wie die europäischen Juden, nunmehr jedoch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden.

Mit genau diesen Vorurteilen versucht die Autorin Christiane Richers zusammen mit Regisseur Anton Krause aufzuräumen, indem sie das Publikum mit dem fiktiven, jungen Hamburger Sinti Thomas alias Wolkly bekannt macht. Das Stück basiert auf Interviews, die Richers und Krause mit einer Hamburger Sinti-Familie geführt haben. Thomas / Wolkly erzählt  in einem einstündigen Monolog lebhaft über seine Kultur, Familiengeschichte, und persönliche Identitätskrise. Doch damit nicht genug: Auch Helmut, der mittelalte Boxtrainer, der wohl vergeblich versucht, Thomas mit demselben Durchhaltevermögen, das beim Boxen vonnöten ist, auch in der Schule bei der Stange zu halten, wird von demselben Schauspieler (Rahul Chakraborty) verkörpert. Leider war für mich im Stück nicht immer einfach zu erkennen, wann welche Rolle zum Tragen kam, was bei mir mitunter für Verwirrung gesorgt hat.

Insgesamt steht der Plot jedoch auch nicht im Vordergrund: Es geht vielmehr um den Jungen, dessen kulturelle Identität in seinem eigenen Land keine Akzeptanz findet, der sich ausgegrenzt fühlt, der nicht vergessen kann, was mit seinen Angehörigen vor 70 Jahren geschehen ist. Warum wird er, auch nachdem seine Familie seit 600 Jahren in Deutschland lebt, noch immer nicht als Deutscher angesehen?

Spätestens hier greift ein weiterer, kalkulierter Mechanismus: Das Einbeziehen des Publikums, respektiv der Schüler, unter denen es mit Sicherheit einige gibt, die mit ähnlichen Identitätsproblemen zu kämpfen haben. Diskussion ist erwünscht, sogar während des Stückes, allerdings  ist dies in der intimen Atmosphäre eines Klassenzimmers wahrscheinlich noch besser realisierbar als auf der Theaterbühne. In die Klassenzimmer wollen Richers und Krause das Stück nämlich „exportieren“: Für 150 Euro spielen sie auch in Schulen.

Fazit

Mit viel Wut, mit viel körperlichem Einsatz wird versucht, dem Anliegen der Schöpfer des Stückes Glaubhaftigkeit zu verleihen. Gleich zu Anfang, als der junge Schauspieler unter Erschöpfung stöhnend auf einen Boxsack eindrosch, konnte ich nachfühlen, wie verzweifelt und ungerecht behandelt er sich fühlte. Ich danke für diesen Moment der Übertragung und erachte Zigeunistan als Bereicherung für jeden Deutsch- oder Geschichtsunterricht, sowie für all diejenigen, die, wie ich, bisher nicht das Gefühl hatten, auch nur die leiseste Ahnung zu haben, wie sich ein junger Hamburger mit Sinti-Hintergrund wohl fühlen mag. Auch die Angehörigen der interviewten Sinti-Familie, die bei der Premiere anwesend waren, schienen mit der Inszenierung sehr zufrieden zu sein.

Die Vorstellung wird auch am Mittwoch, dem 29.1. um  11 und 19 Uhr im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Januar 2014 von in Allgemein.
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