Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Der Russe ist einer, der Birken liebt300dpi

Foto: Esra Rotthoff

Text: Visnja Sretenovic

Auf der Bühne befindet sich der tote Stamm einer Birke.

Dann kommt der Schauspieler (Dimitrij Schaad) hinein und singt für das Publikum einen “Eröffnungssong“. Das Lied ist witzig, der Schauspieler lächelt und flirtet mit uns. Schon am Anfang ist die Beziehung der Vorstellung und des Publikums klar- wir sind da und sie wissen es, es gibt keine „Vierte Wand“.

Nach dem Song kommen die anderen Schauspieler auf die Bühne, einer nach dem anderen. Manche werden uns vorgestellt, manche kommen aus dem Publikum, ohne dass man weiß, welche Rolle sie spielen.

Der erste Teil der Vorstellung ist schnell im Spielen und Denken. Verschiedenen Menschentypen werden auf humorvolle und charmante Art und Weise eingebracht: Eine deutsche Jüdin, ein ziemlich alter NEOnazi, ein schwuler Muslim. Sie spielen mit Vorurteilen, das Publikum reagiert mit Lachen. In dieser Atmosphäre kriegen wir erste Eindrücke von der Protagonistin Mascha und ihrer Welt. Mascha ist in Deutschland aufgewachsen und hat jüdische Wurzeln. Sie wohnt mit ihrem Freund zusammen, der sie super-heiß findet. Aber auch ihrEx-Freund, ein Araber, ist in ihrem Leben präsent. Das wird noch zu Problemen führen. Außerdem gibt es ihren schwulen Freund, der uns jedes Kapitel aus Maschas Leben ankündigt.

Nach dem ersten Teil treten erste Probleme auf. Mascha betrügt ihren Freund mit dem Ex, der zufällig (oder auch nicht) gerade Probleme mit seinem Visum hat. Ihr Freund hat einen bizarren Unfall und stirbt. Sie leidet und versucht ihre Verzweiflung mit der Suche nach einem neuem Zuhause und mit Affären mit verschiedenen Männern und einer Frau zu töten. Es geht aber nicht. Sie wird nie wieder die Mascha sein, die wir am Anfang kennengelernt haben. Das Ganze wird zurückhaltend und fatalistisch gezeigt, fast schon witzig.

Trotz des geschickten Spiels der Schauspieler, vor allem Tim Porath, der den Neonazi-Vater und Maschas Professor spielt, und Konsistenz des gleiches und im Stil der Vorstellung, blieb in mir die Frage – Warum?

Warum war es der Regisseurin wichtig jetzt diese Geschichte zu erzählen?

Was wollte sie mit dem toten Stamm der Birke sagen?

Die Birke ist ein Symbol für verschiedene Glaubensformen. Mit den Zweigen der Birke wurde Jesus Christ geprügelt. Deswegen gelten die Birken bei Orthodoxen als verwunschenene Bäume . Die Birke ist auch bekannt als „Baum des Schutzes“. In indianischen Völkerweisheiten symbolisieren Bäume von jeher lebendige Wesen der Weisheit. Die Birke war der Göttin Freya geweiht und gilt als die Göttin der Fruchtbarkeit und des Frühlings, des Glücks und der Liebe, sowie als Lehrerin des Zaubers. Von einer Birke ist Hamlets Ophelia in den Tod gefallen.

Diese Schichte und Tiefe in der Bedeutung blieben leider ungesagt oder unsichtbar , der Baum wurde nur als praktische und schöne szenische Lösung gesehen.

„Der Russe ist einer, der Birken liebt“ handelt von Heimat, von Flucht, und Liebe, die man erst erkennt, wenn der Andere nicht mehr da ist. Das Publikum bekommt einen guten Einblick in Maschas komplexe Biografie, in der sich trotzdem jeder – mit oder ohne Migrationsbiographie – wiedererkennen kann.

Die Vorstellung wird auch am 27.1. um 20 Uhr im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2014 von in Allgemein.
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