Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Der Russe ist einer, der Birken liebt

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Foto: Nihal Demir

Text: Nihal Demir

Im Jahr 2012 erschien der erste Roman der aus Aserbaidschan stammenden und in Deutschland lebenden Olga Grjasnowa. Die damals 28-jährige traf damit, so „Die ZEIT“, „aus dem Stand den Nerv ihrer Generation“. Ein Jahr später wurde der Stoff im wiedereröffneten Maxim Gorki Theater in Berlin, unter der neuen Intendantin Shermin Langhoff, auf die Bühne gebracht.

Eine große Birke liegt auf dem Boden, sie ist im Laufe des Stückes Grenzzieher, Hindernis, Sitzmöglichkeit, Tanzplatz, Schlafstätte und Lebensbaum.

Mascha, Jüdin aus Baku, ist seit drei Jahren mit dem Thüringer Fußballer Elias zusammen, obwohl dessen Vater ein NPD-Poster zu Hause hängen hat – mit der Aufschrift: „Gas geben“. Bester Freund Maschas ist der schwule Türke Cem, der das Bühnen-Stück eröffnet, indem er darum bittet, die Handys auszuschalten – in Deutschland sei man schon für weniger umgebracht worden.

Maschas Ex-Freund Sami ist halb Araber, halb Schweizer, trinkt keine Kuhmilch und wäre eigentlich lieber wieder in den USA. Jeder ist irgendwie „deutsch“ und doch stellt sich die Frage, wie deutsch man ist. Auch beim perfekt integrierten Vorzeigeausländer. Wer hat hier den Migrationskomplex und wenn ja wie viele?

Musikalische Untermalung, während Mascha und Sami auf der Birke tanzen

Elias hat einen Sportunfall und Mascha möchte nicht über ihre Kindheits-Erlebnisse in Aserbaidschan reden. Als sechsjährige musste sie mitansehen, wie Menschen um sie herum getötet wurden. Die Mutter wischte ihr einmal das Blut einer Toten von den Schuhen und versuchte die Tochter mit den Worten zu trösten: Es hätte ja noch schlimmer sein können.

Erniedrigungen, Folterungen, Vergewaltigungen. Die „richtige“ oder „falsche“ Ethnie wurde anhand der Aussprache des Wortes „Findik“ (Haselnuß) festgestellt. Das entschied über Leben und Tod. Maschas Familie wählte die Flucht.

Mascha streitet mit Elias, der kurz darauf verstirbt. Nur der singende Cem kann Maschas Trauer und Depression lindern: „Ich liebe Dich, aber du stinkst“. Der Wasch-Dich-Song für Depressive ist zum Niederknien.

Mascha flieht schließlich nach Israel. Im Berliner Gorki Theater erwacht die Birke zu neuem Leben, sie steigt in die Höhe. In Hamburg, im Theater in der Gaußstraße, blieb die Birke starr auf dem Boden liegen.

Birken sind Lebensbäume. Russe oder nicht, auch ich mag Birken, diese Frühboten des Frühlings und des Lichts – gerade im Februar und in Hamburg.

Die Vorstellung wird auch am 27.1. um 20 Uhr im Thalia in der Gaußstraße gezeigt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. Januar 2014 von in Allgemein.
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