Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Reise ans Ende der Nacht

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Foto: Nihal Demir

Text: Nihal Demir

Der Zuschauer sieht den Protagonisten Ferdinand Bardamu, einen jungen Franzosen, begeistert in den 1. Weltkrieg ziehen. In Paris flieht Bardamu, traumatisiert und von Angst getrieben, auf einem Schiff in den Kongo, damals französische Kolonie. Durch eine Malaria-Erkrankung geschwächt, gelangt er als verkaufter Mensch nach New York. Er zieht weiter nach Detroit, arbeitet als Fließbandarbeiter bei Ford. Von dort kehrt er schließlich nach Paris zurück, wo er als Armenarzt in der Vorstadt Menschen beim Sterben zusehen muss. In der von Frank Castorf bearbeiteten Bühnenfassung des Residenztheaters München, die Szenen aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ in das Stück integriert, dauert die Reise über vier Stunden und führt uns in mehrere Kontinente.

Nirgends findet Ferdinand das, was er sucht. Ewig ist er auf der Flucht vor Krankheit, Krieg, Tod, Armut und Kapitalismus. Getrieben von der Furcht vor Ansteckung, entwickelt er kaum noch Vertrauen zu seiner Umwelt, abgesehen von wenigen Ausnahmen: Ein Kind, Tiere und ein Hauch erfahrener Liebe. Nur in wenigen Momenten fühlt sich der Reisende sicher und angstfrei.

Brandaktuelle Themen und Probleme der globalisierten Welt bestimmen das Geschehen auf der Bühne, symbolisiert durch Ferdinand Bardamu, durch Krankheit, Blut, Dreck, Blut und noch mehr Blut:

Angst vor Ansteckung in einer entgrenzten Welt, heute vor allem vor Ansteckung mit AIDS, ist immer noch ein großes, ungelöstes Problem. Es gäbe die Möglichkeit, armen Menschen zu helfen, wenn die Pharmazieunternehmen auf Profit verzichten würden, und die Preise senkten, so dass diese für HIV-Infizierte Menschen in ärmeren Ländern auch bezahlbar wären.

Frank Castorf, Intendant der Volksbühne, Berlin, inszeniert das Stück in gewohnt radikaler Manier. Bibiana Beglau überrascht als Ferdinand Bardamu und diversen anderen Rollen und zeigt ihre physische und künstlerische Stärke. Fatima Dramé und Aurel Manthei beeindrucken vor allem durch ihren gefühlvollen Gesang.

Regisseur Frank Castorf im Nachgespräch. Foto: Nihal Demir

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2014 von in Allgemein.

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