Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Eine Nacht im Präsidentenpalast

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Foto: Phuong Ngoc Nguyen Le

Text: Phuong Ngoc Nguyen Le

„Une nuit à la Présidence“, das aktuelle Stück des Regisseurs und Intendanten Jean-Louis Martinelli am Pariser Théâtre Nanterre-Amandiers hat gestern seine Deutschlandpremiere gefeiert. Zwölf Jahre arbeitete Martinelli in regelmäßigen Abständen mit Theaterleuten in Burkina Faso zusammen.

„Eine Nacht im Präsidentenpalast“ präsentiert er uns nun in Form einer politischen Farce, die auf dem Film „Bamako“ des malischen Abderrahmane Sissako basiert. Als Kulisse dient ein Präsidentenpalast irgendwo in Afrika, die Präsidentschaftswahlen stehen vor der Tür. Ein europäischer Finanzguru, der nur Profitmaximierung im Sinn hat, soll Abhilfe schaffen. Mehrere Musiker stoßen dazu, denen erlaubt wird, an diesem Tag zu essen und zu reden, wie es ihnen beliebt. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten: In Form von persönlichen Leidensgeschichten der Musiker werden soziale Probleme angesprochen, die wir schon aus den Nachrichten kennen: Ausbeutung, Gewalt, Korruption und die „Invasion der Chinesen“.

Es fallen mehrmals Begriffe wie IWF, Weltbank, Finanzpläne, Ausbeutung von Rohstoffen – „Wir haben den gleichen Feind“, singen sie. Wer gemeint ist, liegt auf der Hand: Afrikaner und Europäer gleichermaßen. Die altbekannte Kritik am Kapitalismus also?

Ich höre Stimmen aufschreien: „Kennen wir alles schon. Tausendmal durchgekaut.“ Und warum sollten wir uns überhaupt mit diesem Thema befassen. Gibt es hierzulande nicht genug Probleme? Die Antwort der Regie darauf lautet: Ja, wir müssen und sollten uns damit beschäftigen; es ist die historische Verantwortung und das koloniale Erbe Europas.

Aber ist das alles doch nicht irgendwie zu offensichtlich? Die Symbolik wird uns sogar unverhohlen wörtlich serviert. Bühnenbild und Kostüme werden stets im schlichten schwarz-weiß gehalten. Der Financier ist (sehr subtil) komplett in weiß gekleidet und bezeichnet sich als „Symbol des Weißen, der den Schwarzen das Geld wegnimmt“.

Was soll das also? Ist es etwas zu offensichtliche Symbolik über Missstände, die uns sowieso allen bewusst sind? Oder will uns Martinelli die eigenen Schwarz-Weiß-Denkmuster vor Augen führen?

Und warum fiel es mir so schwer, an den richtigen Stellen zu lachen? Dabei ist es doch als humoristisches Kabarett aufgezogen. Liegt es an meinem zugegeben recht eingerosteten Französisch, sodass mir mancher Witz gar komplett verloren ging? Oder lag es an mangelnden Kenntnissen über die kulturellen Gepflogenheiten? Es wurde tatsächlich recht herzlich von verschiedenen Seiten gelacht, doch schien das Gelächter oftmals von französischen Muttersprachlern zu kommen. Sowohl auf der Bühne als auch in manchen Reihen amüsierte man sich köstlich über normalerweise heikle Themen wie Prostitution, AIDS, Beschneidung, Vergewaltigung, Todesopfer auf Flüchtlingsodysseen… Oder andersherum gefragt: Werden hierzulande vielleicht Themen zu sehr überdramatisiert und krampfhaft politisch korrekt gebogen?

Ich bin auf jeden Fall beeindruckt über diese Fähigkeit, über alles und jeden lachen zu können und selbst bittere Themen des Lebens mit einem Augenzwinkern zu belächeln – und wenn es sein muss, der Trauer ins Gesicht zu lachen. Zugegeben, es gab Momente, wo auch ich herzlich mitlachen konnte.

Trotz einiger Verwirrung und ungeklärter Fragen ist „Eine Nacht im Präsidentenpalast“ ein sympathischer Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen Europa und dem postkolonialen Afrika, und gleichzeitig ein würdiger Auftakt für die diesjährigen Lessingtage.

P.S. Der Satz während des spontanen Chinesischunterrichts „是爸爸妈妈给我们最好的礼物“ bedeutet: „Vater und Mutter sind diejenigen, die uns das beste Geschenk überreichen.“

 … und eine herzliche Nacht im Kampnagel

Foto: Phuong Ngoc Nguyen Le

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Nicht nur auf der Bühne wurde viel musiziert, getanzt und gelacht, auch hinter den Kulissen ging es sehr herzlich zu. Nach dem Stück wurde ich ohne viel Gerede von der sehr netten Stagemanagerin des Stücks prompt von den Zuschauerrängen hinter die Kulissen geführt. Mir wurde als Erstes der Regisseur persönlich vorgestellt, anschließend lud man mich zum Abschlussdinner in das Restaurant ein. Über so viel Herzlichkeit war ich schlicht und ergreifend sprachlos. Ich wurde sofort in ihrer Mitte willkommen geheißen, was mir trotz eisiger Temperaturen einen herzerwärmenden Abend bescherte. Integration und Völkerverständigung in seiner reinsten Form! Die Schauspieler nahmen ihre Energie von der Bühne bis ins Restaurant und legten sogar eine Tanzeinlage nach dem Essen hin. Übrigens findet heute im Anschluss nach der Vorstellung am 26. Januar ein Gespräch mit Jean-Louis Martinelli und dem Ensemble statt, wo sich jeder Zuschauer selbst ein Bild über die Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit der Truppe machen kann.

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2014 von in Allgemein.
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